Noch einmal Ladakh: oder DAH, ein Ort am Ende des Universums

 

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Vor einigen Jahren reiste ich nach Ladakh im Nordwesten Indiens. Ladakh, diese kleine Provinz in den Höhen des Himalaya im Bundestaat Jammu-Kashmir gelegen lag schon lange im Ordner meiner Wunschliste derer Orte und Regionen, denen ich einmal einen längeren Besuch abstatten wollte. Die scheinbar unendlich langen Täler mit ihren Gebirgswüsten und Oasen, Mond- oder eher Marsähnlichen Farbtönen und Gesteinsfeldern empfingen mich nach meiner Ankunft in der kleinen Hauptstadt „Leh“. Wie auch der Geist des Altwürdigen und den im trockenen Wind ewig wehenden Fahnen und Farben des tibetischen Buddhismus. Im Sommer heiß, staubig und trocken, im Winter bitterkalt und mit z.T. meterhoher Schnee in den abgelegenen Bergtälern ist es dort. Seit eh und je. Straßen gibt es meines Wissens nur zwei dorthin (so war es zumindest im Jahr 2016 so). Sie dürfen es sich ungefähr so vorstellen, als führe eine Straße bergauf und die andere wieder bergab. Die eine, gut ausgebaut (mit Hilfe der indischen Armee; immer gut vorbereitet für einen Angriff aus Pakistan oder Separatisten aus dem Hochland) und die andere führt klein und schmal, anfangs noch recht gut ausgebaut und später sich verwandelnd in den markanten und spitzfindigen Namen „Godzilla-Pass“ wieder herab in die Ebenen zu Srinagar. Ja, Godzilla hätte hier bergab sicherlich seine Freude gehabt (und sicherlich auch seine lang gewünschte Ehefrau gefunden oder mit seinem Freund Spinne getanzt).

Anfangs guter Dinge, mit schwerer Kamera-Ausrüstung und Sonnenhut, dazu deutscher Sonnencreme durfte ich zusehen, wie sich meine robuste Gesundheit in Windeseile in Luft und Staub aufzulösen begann und der biologisch abbaubare Sonnenschutz gleich dazu. Nein, so schlimm war es nicht. Aber: die Höhe, der windige staubige Wind und das häufige Fahren mit unserem überschwänglichen und liebevollen Fahrer mit kurzen Zwischenstops machte mir manches mal sehr zu schaffen. Und dann war sie da, die typische Durchfallkrankheit mit Schwächeanfällen auf über 5000 Metern mit dem Panorama des Pengong-See (50 Kilometer Indien und etwa 100 Kilometer Tibet, aber so genau ist man hier oben nicht; nur mit dem Navigieren der Flak) ausgelöst durch ein quietsch-grünes gut schmeckendes Chutney in der Nähe der berühmten Ortschaft Hemis. Meinen europäischen Anti-Alles-Mitteln traute ich in dieser ungewöhnlichen Umgebung keiner Sekunde und so fand ich mich in aller kürze in einem Hospital für tibetische Heilkunde und Medizin in Leh wieder. Freundlich und liebevoll versorgt wurde ich. Mit einigen bitteren Pillen im Mund und zwei Nächten Ruhe durfte es mit angepasster Energie und deutlich mehr Mut im ladakhschen Normalzustand weitergehen.

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Der tibetische Buddhismus und auch der Islam, sie führen hier oben eine altehrwürdige Ehe. So als hätte es sie nie gegeben: die gewaltsamen und brutalen Auseinandersetzungen in anderen Regionen dieser Welt zwischen derer die da Glauben. Irgendwie, da kommen heute auch in entferntesten Tälern so z.B. in in der kleinen Ortschaft Turtuk alle recht gut miteinander zurecht, und weiter bergauf (oder hinein – wie Mensch, Esel oder Kamel es eben so nehmen), da interessiert es sowieso keinen mehr, woher man weder kam noch ging. Weiter hinten ziehen die sagenumwobenen Nomaden, welche in den Hochtälern des Himalaya zischen Pakistan, Indien und dem heutigen China (für mich ist es immer noch Tibet, wenngleich die Landkarten es anders sehen) auch heue noch umher, und nur einheimische Wissen, wo sie wirklich sind mit ihren Jurten und den Herden aus Yaks, Ziegen, Schafen und Kamelen. Wir schafften es bis an die Grenze zu Baltistan. Die Baltis, ein Volk auf Pferden mit Musketen und Turban, sie leben hier seit Urzeiten. Wie aus Geschichten aus 1000 und einem Buche von Karl May habe ich mich gefühlt in ihrer uralten Oase, und als Urlauber wollte ich mich nicht fühlen, obwohl ich in ihren Augen sicherlich einer war. Für mich war es das Paradies auf Erden. Da, so schrieb ich es in meinem Tagebuch, da wolle ich wieder hin und sicherlich noch ein großes Stück weiter: zu den Nomaden mit dem majestätischen K2 im Hintergrund, wo sich schon manch Bergsteiger die Zähne ausbiss und nicht nur die Zehen erfror.

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In Dah, da endete unsere Reise. Und da, da blieb etwas für mich zurück, welches ich Ihnen mit Worten nur schwer umschreiben kann. War es das sagenumwobene „OM“, welches z.B. im „OM MANI PADME HUM“ hier so oft gesungen, geschwungen und rezitiert wird? Sozusagen das Herzstück des Herzsutra? Oder war es das „ONG“ aus „ONG NAMO, GURU DEV NAMO“ des neuen Kundalini Yoga, welches gar nicht so unweit also in Punjab in ewigen Gesängen und Gebeten des Goldenen Tempel der Sikhs gesungen wird? Für mich war es einfach nur „OMG – OH MY GOD“.

Sagenumwoben ist diese Region auch unserem Guide und Fahrer, welcher uns sogar zu sich in der Nähe des Indus-Flusses in sein bescheidenes Heim seiner Eltern einlud (und dieses alleine wäre der Ehre genug). Sie selbst wohnen in einem überaus abgelegenen Ort, wo bisher, so erzählte er mir später bei einem Tee nur wir bisher die einzigen fremden Gäste aufgenommen waren.

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Uns alle umfing eine tiefe Freude und innere Ruhe, als wir die letzten Meter der indischen Grenze in einem Hochtal ausserhalb des kleine Ortes sahen. „Dah“, da ist es. Das absolut Unbekannte, das Neue, die Fremde. Lichtvoll, stark, voller Geheimnisse und dennoch schon immer kennend.

Immer da und immer nah.

Hätte ich mein Handtuch dabei gehabt, hier am Ende des Universums, ich wäre einfach um die Nächste Ecke weitergegangen und mir im Restaurant einen würzigen Chai oder einen kräftigen Mokka bestellt.

Dieser Tage plagte viele der umliegenden Täler eine besonderes Geschöpf. Eine Raupenart (hier in Europa kennt man sie unter dem Namen Eichenprozessionsspinner), labte sich an den Blättern der Aprikosenbäumen, welche hier schon fast als Nahrungsgrundlage dienen (keine Blätter = keine Blüten = keine Früchte). Für die Raupen ein reich gedeckter Tisch, für die Menschen eine Plage. Kommt man mit ihr in Kontakt, so kann ein Mensch einen allergischen Schock erleiden, der bis zum Tode führen könne. So mahnte man uns und so umsichtig bewegten wir uns in der Nähe der lieblichen Aprokosen-Bäume. Tja, mich erwischte es dann doch. Wie es aus dem Nichts erschien sie, die weich-flauschige Raupe, ganz wie aus „Die 5 vom Apfelstern“ aus der Augsburger Puppenkiste, auf meinem Bauch – in meinem „Hotel“-Zimmer! Woher sie kam? Das wissen nur die Götter und Schutzgeister dieses Ortes. Ich hingegen stiess sie sofort weg und im Nu bugsierten wir sie geschwind aus dem Fenster.

 

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„Ach du schreck! Und jetzt?! Erst einmal einen Schluck Wasser.“ Wir alle machten uns große Sorgen. „Jetzt bin ich fertig!“, jammerte es in mir. Unser Fahrer: „Trink mein Junge!“, „Halte durch!“. Meine damalige Frau: „Wie blöd bist du eigentlich! Mensch, pass doch auf!“ Tja, da war er wieder: der typische Konflikt: „Du Frau. Ich Mann. Ich deutsch. Du indisch. Du besser. Ich weniger. Ich besser, Du weniger.“ Und so weiter. Haben wir uns deswegen gestritten? Ich glaube nein. Aber das erzähle ich ihnen vielleicht wann anders.

So hieß es standhaft bleiben. Nicht kratzen. Nicht hinschauen. Nicht daran riechen. Nicht schwitzen. Nicht darauf hören und vor allem: nicht daran denken.

Keine leichte Aufgabe bei über 30 Grad im Schatten mit staubiger und steifer Briese und nach einer Weile mit Godzilla im Nacken den Pass nach Srinagar hinunter.

Rote Pusteln überzogen mich langsam und dann immer schneller. In den Leisten, den Achseln und hier und dort. Meine Lymphe musste schwer arbeiten dieser Tage.

Wissen sie: Details und weitere Episoden dieser abenteuerlichen Reise möchte ich ihnen ein andern mal erzählen. Von einer halsbrecherischen Busfahrt zum Goldenen Tempel in Amritsar zum Beispiel mit seiner größten Volksküche der Welt und wie mich Tempel-Wächter fast um meine Sandalen brachten. Aber eines verheimlichen möchte ich ihnen nicht: Nicht kratzen hat geholfen. Wie seit eh und je.

Auch das von der Raupe beglückte T-Shirt von damals trage ich auch heute noch. Darauf gedruckt steht: „Rue Royale“ – der Weg der Könige.

Sat Nam – oder auch: Namaste.

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